Freitag, 13. Februar 2015

Mein Kochtopf spricht mit mir

Ich nehme mein Smartphone. Gerade hat mein Kühlschrank mich angeklingelt und mir eine Voicemail geschickt. 

»Hilfe +++ Butter alle +++ sollte nicht ersetzt werden +++ auf Fettverbrauch achten +++ Gefahr Apositas +++ Personenwaage hat mitgeteilt, dass der Fettanteil im Körper zu hoch ist +++ Fettanteil liegt über den von US-Versicherungen entwickelten BMI +++ der Gemüseanteil in meinem Gemüsefach sollte erhöht werden +++ habe Kochtopf angewiesen, Fett und Fleisch nicht mehr zu tolerieren +++ habe Kreditkarte gerade angewiesen, dass Butter und Fleisch nicht mehr zu bezahlen wären +++ anbei einige fettreie, vegane Rezepte +++«

Das fiel mir ein, als ich heute DIESEN Artikel las.

Fissler bietet also einen Schnellkochtopf an, der via App mit mir kommunizieren kann. Das würde den Kochprozess erleichtern, meinte Fissler. Nunja, der Kochprozess in einem Schnellkopftopf, in jedem Topf oder in jeder Pfanne wird dadurch nicht erleichtert. Wie sollte eine App einen KOCHPROZESS erleichtern? Es kocht wie es kochen muss, je nach Inhalt im Kochtopf, Art des Kochtopfes und Rezept.

Dieser Müll wird dann Innovation genannt ... Innovation! Ein paar Chips, ein bissel Software und ein Topf. Alles ist schon vorhanden, wird nur zusammengebracht und ein Unternehmen klopft sich an die Brust, dass es wahnsinnig innovativ wäre. Gut im eigentlichen Sinne von Innovation ist es eine ... "Neuerung". Wir verstehen heutzutage aber etwas anderes - zumindest verstanden wir das mal vor ein paar Jahren anders - unter diesem Wort: wirklich etwas Neues, wirklich etwas Anderes, wirklich eine Neuentwicklung, die es davor nicht gegeben hatte und kein Zusammenwürfeln von Dingen, die schon da sind.

Ich habe den Eindruck, dass in dieser zur Infantilität verkommenen Gesellschaft krampfhaft Anwendungen für ein Spielgerät (Smartphone/Tablet) gesucht werden muss. Denn Smartphones/Tablets SIND Spielgeräte. Spielgeräte um irgendwelche Fotos, die eh niemanden wirklich interessieren durch die Weltgeschichte zu schicken. Und lt. Werbung können wir jedes Jahr ein neues Spielgerät abholen.

Ob ich den Zeitpunkt noch erleben werde, wenn die Menschen erwachen und bemerken, dass sie Dank ihrer Spielwut Teilnehmer der Erdzerstörung sind und in der 1. Reihe dabei sitzen? Ich denke eher NEIN. Die meisten werden erwachen, wenn es zu spät ist. Dann wird das Jammern groß sein, weil die Böden giftig sind und keine Lebensmittel mehr angebaut werden können. Dort wo Erdölschlamm und -schiefer abgebaut wird, um Erdöl zu gewinnen, weiß man das auch schon heute, falls es die breite Masse dort überhaupt interessiert. Sicherlich gibt es auch für die sogenannte Rekultivierung dieser vergifteten Flächen eine Aktie zu kaufen, um sein Gewissen zu beruhigen und den Herausgebern fette Gewinne bescheren, die man aber in seinem Gewissen (falls man eins hat) verdrängt.

Der vernetzte Kühlschrank, der vernetzte Kochtopf, die vernetzte Küche, das vernetzte Haus. Das alles ist weit mehr als "1984" vorgedacht hat. Mein Kochtopf könnte dann auch auf ihn zugeschnittene Werbung erhalten. Oder? Überall in den Unternehmen sitzen die Marketingexperten und analysieren meinen Topfinhalt, welche Rezepte ich benutze, was ich esse. Das ist natürlich dann auch für Krankenkassen interessant. Esse ich in deren Augen zu ungesund? Zusatzbeiträge könnten dann fällig werden? Der Personalmensch schaut sich eine Datensammlung an, was ich einkaufe, was ich esse ... Also könnte er mich damit ablehnen, weil ich den gängigen Meinungen der Gesellschaft, was gesund und was ungesund ist, nicht entspräche, obwohl ernsthafte Studien den Unsinn solcher verbreiteter Gesundheitsmeinungen widersprechen. Das würde mir nur wenig nützen. Ich bin Gläsern und alle bedienen sich meiner Daten.

Ich tue somit, wenn ich diesen Müll Einlass in meiner Wohnung gestatte, nicht nur etwas für den Kollaps der Umwelt und des Ökosystems Erde (wie schon mal gesagt, bin ich kein Ökofreak), sondern auch etwas dafür, dass meine Lebensweise auf meiner Stirn - im übertragenem Sinne - steht. Wie infantil muss man sein, wenn einen das nicht interessiert? Gehört man dann zur Gudi-Gudi-Gesellschaft, zum Völki, Siggi, Schweini, Poldi, Angie und weiterer Verniedlichungsnamen?

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PS: Übrigens ich koche nicht mit Fissler, weil das Gelingen von Speisen nicht vom Kochtopf abhängig ist, sondern von der Lust und der Fantasie desjenigen, der kocht. Und so eine lustige Personenwaage habe ich ebensowenig wie ein Smartphone/Tablet.